Wissenschaftliche Methodik

Worüber man keine Quellen hat, dazu muß man als Historiker schweigen. Wissenschaftliche Geschichtsschreibung zu leisten, heißt also immer, auf Spekulationen zu verzichten. Meine Forschungsarbeiten folgen dem streng empirischen Ansatz, der sich daraus ergibt. Um ihn erfüllen zu können, habe ich für meine Publikationen zu Ausbruch und Eskalation etwa des Zweiten Weltkriegs sowohl die Standardquellen herangezogen, die regelmäßig als Nachweis deutsch-nationalsozialistischer Alleinverantwortung präsentiert werden (Hossbach-Protokoll, Denkschrift zum Vierjahresplan z.B.) als auch sehr viele weitere. Ich berücksichtige insbesondere alle sogenannten Schlüsseldokumente aus dem Nürnberger Prozeß. Wenn Ihnen irgendeiner meiner zahlreichen – insbesondere der politisierten – Kritiker etwas anderes weismachen will, wissen Sie bereits, woher der Wind weht.

Was dabei entstanden ist und einen wesentlichen Inhalt meines Gesamtwerks darstellt, ist ein realistischer Blick auf die Entstehungsgeschichte insbesondere des Zweiten Weltkriegs. Dieser Realismus wurde gelegentlich als „Revisionismus“ im Sinn einer Billigung einzelner Entscheidungen interpretiert. Er liefert jedoch ein komplexes Bild, an dem sich die „schrecklichen Vereinfacher“ mit geschichtspolitischer Zielsetzung (und zu denen gehören auch beachtliche Teile deutscher Zeitgeschichtsforschung) naturgemäß stören. Diese Komplexität ist notwendig, auch nach dem Grundsatz von ‚Ockhams Messer‘.

Ockhams Messer und die Ansichten der Geschichtswissenschaft über den Beginn des Zweiten Weltkriegs

„Ziehe niemals mehr Dinge heran, als zur Erklärung notwendig sind.“

Wilhelm von Ockham

Wenn es für ein Ereignis verschiedene mögliche Erklärungen gibt, dann ist die einfachste die gültige. Als Wilhelm von Ockham diesen schneidenden Grundsatz im 13. Jahrhundert aufgestellt hat, dachte er mit Sicherheit nicht an die Geschichtsschreibung, die es in der heutigen Form noch gar nicht gab und die zu seiner Zeit niemand als Wissenschaft bezeichnet hätte. Ockham wollte nur einen methodischen Fortschritt in der Theologie und in der Philosophie erreichen und eine Möglichkeit schaffen, überflüssige Spekulationen aus der Diskussion auszuschließen. Trotzdem hat sich sein Grundsatz im Lauf der Zeit auch auf ganz unerwarteten Gebieten immer wieder bewährt und er gilt heute als einer von jenen Punkten in der abendländischen Geistesgeschichte, die den Weg von der Theologie zur Philosophie, zur Aufklärung und zum naturwissenschaftlichen Weltbild markieren.

Ockhams Messer sind etliche Erklärungsmuster des mittelalterlichen Weltbilds zum Opfer gefallen. Auf der Liste der vielen Wissenschaften, die seitdem neu entstanden sind, findet sich inzwischen auch die Geschichtsschreibung, die sich von ihren mittelalterlichen Vorgängern und deren literarischem Lobgesang auf den gerade regierenden Fürsten und seine idealen Vorbilder deutlich distanziert hat. Seit gut zweihundert Jahren bemüht sie sich darum, wissenschaftlichen Standards zu genügen und sich im wissenschaftlichen Kosmos zu etablieren. Es scheint so zu sein, daß Ockhams Messer auch dabei stillschweigend als Richtlinie dient.

Über die Frage, ob es sich dazu auch eignet, kann man mindestens geteilter Meinung sein. Geschichtliche Erklärungen haben eigentümliche Grenzen, die sie beispielsweise von naturwissenschaftlichen Fächern unüberbrückbar trennen. Sie sind dort erreicht, wo aus der Interpretation von Fakten ein strenger Anspruch auf Klärung von Kausalitäten abgeleitet werden soll. Genau dies kann die Geschichtswissenschaft grundsätzlich nicht leisten, denn dazu ist ihr Gegenstand zu komplex und unbestimmt, dazu stecken in jedem Detail allzu viele Teufel und dazu gibt es viel zu viel „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“.

Allein die Popularität dieses widersprüchlichen Begriffs innerhalb der Geschichtswissenschaft zeigt deren methodische Schwächen schon sehr deutlich. Andererseits läßt sich ohne den Glauben an die Existenz von Ursache und Wirkung ebensowenig Geschichtswissenschaft treiben, wie man ohne sie niemals den Wasserhahn aufdrehen würde. Kausalität ist ein unverzichtbarer Bestandteil von Erkenntnis überhaupt und das aus ihrer gelegentlich augenscheinlichen Abwesenheit resultierende Dilemma scheint deshalb in der Geschichtswissenschaft unaufhebbar zu sein: „Determinismus und Historismus, welch ein dunkles, kaum lösbares Problem“.

Das soll Friedrich Meinecke während der Lektüre von Ludwig Dehios Essay über „Gleichgewicht oder Hegemonie“ gesagt haben.[1] Er formulierte damit treffend die geringe Aussicht der Historiographie, jemals im strengen Sinn den Aufstieg in die Liga jener Wissenschaften zu schaffen, die mit exakter definierten Größen arbeiten und in denen sich die Kausalitäten als Beziehungen solch definierter Größen präzise genug bestimmen lassen um etwas zu ermöglichen, was der Geschichtswissenschaft verschlossen bleiben wird: die Verifizierung einer Theorie im wiederholbaren Experiment. Geschichtswissenschaft bleibt statt dessen  sowohl der Literatur verbunden, da sie einen Ablauf so rekonstruiert, daß eine „Geschichte“ daraus wird, als auch der Wissenschaft, denn sie stützt sich bei dieser Erzählung ausschließlich auf gesicherte Fakten – oder sie sollte es zumindest. Diese Regel gilt für alle ihre Spielarten, auch der gesteigerte Verbrauch von Zahlen, mathematischen Modellen oder systemtheoretischen Ansätzen ändert daran nichts.

Alle historischen Darstellungen sind in gewisser Weise Dramatisierungen des vorhandenen Stoffs durch die Verfasser, da alle zeitlichen, räumlichen oder thematischen Einschränkungen letzten Endes willkürlich sind. Jeder Gegenstand historischer Untersuchung hängt mindestens theoretisch mit allen anderen zusammen. Selbst wenn sich die Gegenstände der Untersuchung exakt bestimmen ließen, bliebe eine Einschränkung des verwendeten Materials zur Bestimmung ihrer Beziehungen immer noch begründungsbedürftig. Theoretisch könnte immer noch mehr berücksichtigt werden. Die Zusammenhänge sind letzten Endes immer vom Autor selbst konstruiert, ihre Hervorhebung muß von ihm verantwortet werden und so gilt weiterhin:

„Die Pflicht des Historikers ist zwiefach: erst gegen sich selbst, dann gegen den Leser. Bei sich selbst muß er genau prüfen, was wohl geschehen sein könnte, und um des Lesers willen muß er festsetzen, was geschehen sei.“[2]

Damit wäre das erste Thema dieser Einleitung erreicht, denn die eben angestellten Überlegungen dienen nicht der Selbstbespiegelung des Autors vor wissenschaftstheoretischem Hintergrund. Sie sind Teil der Vorüberlegungen zu dieser Untersuchung gewesen und waren immer präsent während der Arbeit an ihr. Die Zweifel an der methodischen Zuverlässigkeit einer Form von „Meistererzählung auf der Ebene der ‚großen‘ Politik“ sind gerade in Deutschland sehr verbreitet. Sie erheben sich während der Arbeit an der Untersuchung selbst immer besonders deutlich, wenn ein Allgemeinurteil, sagen wir, über „die englische Politik im Herbst 1939“ zu fällen ist. Unvermeidlich sind alle historischen Darstellungen voll von solchen und anderen Verallgemeinerungen, im Idealfall getroffen nach bestem Wissen und trotzdem immer vorläufig. Das wird um so deutlicher, je intensiver und länger ein bestimmtes Feld betrachtet wird: Es gibt auch so etwas wie eine geschichtswissenschaftliche Unschärferelation. Da diese Sätze nun aber in der Einleitung einer umfangreichen Veröffentlichung stehen, läßt sich allerdings denken, daß die entsprechenden Fragen dennoch mit ja beantwortet wurden. Es ist möglich, die Geschichte der Macht in Europa darzustellen und es ist sinnvoll, dies zu tun.

Sucht man nun nach den Spuren von Ockhams Messer, so lassen sie sich in den Darstellungen über die Ursachen und die Frühgeschichte des Zweiten Weltkriegs ohne weiteres finden. Das dort vorgestellte Modell ist nämlich in seiner Einfachheit schlechterdings nicht zu unterbieten: Der Krieg konnte nur in Europa beginnen, nur ein Land konnte diesen Krieg auslösen und der Diktator dieses Landes hat dies ganz bewußt getan, umgeben von einer friedliebenden und gutwilligen Umwelt. So läßt sich der Dreischritt der vorherrschenden Argumentation wohl zusammenfassen. Das Modell zeichnet sich außerdem zweifellos durch Logik und Konsequenz aus. Es verbindet die frühen Äußerungen des Parteiführers Hitler mit den Aktionen des Diktators auf dem Höhepunkt seiner Macht. Es erklärt die Symbiose vom Lebensraumkrieg im Osten mit der Vernichtung von Judentum und Bolschewismus als zentralen Zielen in Hitlers Vorstellungswelt.[3] Es zeichnet den Angriff auf Polen, sowie die Ausweitung des Krieges nach Skandinavien und später nach Westeuropa als frühe Etappen auf dem Weg zur Verwirklichung dieser Ziele.[4] Ein einfacheres und deshalb im Ockhamschen Sinn richtigeres Modell scheint also kaum denkbar, als es für die Vorgeschichte und Geschichte des Zweiten Weltkriegs angewandt wird.

Die Konsequenzen sind deshalb drastisch, wenn aus diesem Gedankengebäude die zentrale Annahme entfernt wird. Den Gang der Dinge in den Jahren 1939 und 1940 zu erklären, kann niemals so leicht sein, als wenn Adolf Hitlers „unbedingter Wille zum Krieg“ vorausgesetzt wird. Dennoch läßt sich die Eskalation des Krieges auch ohne diesen einen unbedingten Willen zum Krieg erklären, ohne dabei allzu kompliziert zu werden, oder eine reine Ereignisgeschichte zu schreiben. Die nachfolgende Darstellung wird dies zeigen.

Bleibt daher als nächstes genauer zu bestimmen, wie dieses Vorhaben angegangen werden soll. Dies läßt sich in drei Schritten erklären, denn neu an der hier vorgelegten Untersuchung ist die Kombination von gewähltem Zeitraum, räumlicher Ausdehnung und methodischem Zugriff. Sie stützt sich überwiegend auf gedruckte und veröffentlichte Quellen, sie verwendet die allgemein anerkannten Dokumente.

Dazu ist zur Methode zunächst zu sagen, daß es sich nicht im strengen Sinn um eine Darstellung des Kriegs selbst handelt. Die militärischen Ereignisse sind nicht Gegenstand dieser Untersuchung, sie tauchen allenfalls im Hintergrund auf und werden nur dort gestreift, wo sie eine direkte Beziehung zu den politischen Ereignissen haben. Untersuchungsgegenstand ist die Politik dieser Monate und zwar die Machtpolitik der einzelnen Staaten, wie sie sich in den Äußerungen und Handlungen der politischen Entscheidungsträger nachweisen läßt. Dieser Entscheidung liegt die Clausewitzsche Annahme zugrunde, daß alle militärischen Vorgänge letzten Endes einen politischen Sinn haben und sich als die berühmte „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ beschreiben lassen.

Militärische Ereignisse sind unter diesem Blickwinkel immer auch eine Entscheidung darüber, ob die Rückkehr zu friedlichen Mitteln möglich ist oder ob diese Rückkehr weiter verzögert wird. Ihre Konsequenzen können nur unter diesem Gesichtspunkt voll verstanden werden und es wird im Lauf der Untersuchung deutlich werden, daß dies zwischen September 1939 und Sommer 1940 allen Entscheidungsträgern sehr bewußt war. Daher wird die Darstellung des Ablaufs der Dinge hier von der Frage nach der Struktur einer denkbaren Friedensordnung begleitet werden.

Dabei sollen gleichzeitig auch die diplomatischen, wirtschaftlichen, militärischen, mentalitätsgeschichtlichen, ideologischen und ganz allgemein die geostrategischen Gegebenheiten mit in der Darstellung berücksichtigt werden, wobei diese Faktoren hier als gleichwertige Determinanten staatlicher Machtpolitik eingestuft werden, ohne daß einer davon die Möglichkeit zugesprochen wird, den Einfluß der anderen entscheidend zu überlagern. In dieser Festlegung liegt Konfliktstoff versteckt, besonders in der eingeschränkten Bedeutung, die hier dem Ideologischen zugewiesen wird. Wenn das Ideologische als nichts anderes eingestuft wird, denn als eine Komponente staatlicher Machtpolitik unter anderen, dann setzt sich diese Definition zugleich etwas von gängigen Erklärungsmodellen des Zweiten Weltkriegs ab, wie dem „europäischen Bürgerkrieg“, dem „Weltbürgerkrieg“, dem „Konflikt zwischen Demokratie und Totalitarismus“, dem „zweiten imperialistischen Krieg“ oder dem „Vollzug einer Weltanschauung“.

Damit soll weder gesagt werden, die Ideologien aller Staaten seien unwichtig, noch daß sie in einem moralischen Sinn gleichwertig seien. Es soll ihr Einfluß aber auf eine angemessene Größe reduziert werden. Ideologische Selbstinterpretation gehört zum Repertoire jedes modernen Staates. Sie enthält nahezu überall eine utopische Komponente, deren vollständige Einlösung im konkreten Raum selten versprochen wird und aus zahlreichen Gründen dann niemals gehalten werden kann, was mindestens den staatlichen Eliten in der Regel bewußt ist. Daher ist der ideologische Einfluß in den verschiedenen Staaten nur in wenigen Fragen entscheidend gewesen und sehr selten in wirklich wichtigen Momenten.

Was dies für die entscheidenden Phasen der Frühzeit des Zweiten Weltkriegs[5] bedeutet, wird im Einzelfall zu zeigen sein. Generell läßt sich aber sagen, daß bei dieser Art der Analyse die historischen Kontinuitäten, bzw. die längerfristigen Trends stärker gewichtet werden als kurzfristig entstandene Bedingungen. Es war kein Zufall, wenn sich bestimmte Konstellationen innerhalb des europäischen Staatensystems immer wieder ergeben haben, während andere trotz allen ideologischen Wandels niemals realisiert wurden – ein Paradebeispiel für den zweiten Fall ist sicher das deutsch–englische Bündnis. Die Staaten und ihre „Lenker“ konnten den Konstanten der europäischen Geschichte nicht entgehen, welche politisch–ideologischen Dispositionen sie auch hatten, sie blieben abhängig von historischen Gegebenheiten anderer Kategorien.

Wenn also die Politik der Frühphase des Zweiten Weltkriegs hier unter den eben skizzierten Perspektiven betrachtet werden soll, so soll die Darstellung der einzelnen Länder gleichzeitig stärker miteinander verschränkt werden, als dies in Darstellungen sonst üblich ist. Es wird der Versuch unternommen, den historischen Ort des Zweiten Weltkriegs in einem Prozeß der ständigen Globalisierung von Machtpolitik näher zu bestimmen. Gerade weil so vieles an der europäischen Politik dieser Zeit eine Wiederholung älterer Muster war, läßt sich mit einem Vergleich der Entscheidungsprozesse und Stimmungslagen in den verschiedenen Staaten sehr gut das Neue zeigen und die Dynamik illustrieren, die in einer Verbindung von traditionellen Konflikten mit neuen ideologischen Mustern und veränderten Machtverhältnissen gelegen hat. Die politischen Eliten kamen in dieser Situation sehr oft zu erstaunlich ähnlichen Schlüssen, was etwa bei dem zeitlich fast parallelen Entschluß für die Invasion in Norwegen offensichtlich wird. Solche Parallelen können nur bei einer verschränkten Betrachtungsweise der Entscheidungsprozesse in den verschiedenen Ländern gefunden werden, und dies ist das außergewöhnliche Element der hier verwendeten Methode.

Damit ist auch eine Kritik an jenem germanozentrischen Trend der Geschichtswissenschaft verbunden, hinter dem die Offenheit und Komplexität der politischen Situation zu Beginn des Zweiten Weltkrieges kaum noch zu erkennen ist. Wenn beispielsweise Ian Kershaw seine Hitlerbiographie für diesen Zeitraum schreiben kann, ohne eine ganze lange Reihe von wichtigen und wichtigsten Personen zu nennen, die in der europäischen Diplomatie tätig gewesen sind und deren Handlungen und/oder vermutete Absichten für Hitlers Entscheidungen eine wichtige Rolle gespielt haben, dann blendet diese Art der Fokussierung auf rein innerdeutsche Entscheidungsprozesse allzu viel aus, was den Ablauf dieser Prozesse in einem Land beeinflußt hat, das immer zu klein geraten und zu zentral gelegen war, um sich Ignoranz gegenüber seiner Umgebung leisten zu können.

[1] Vgl. Dehio, Gleichgewicht, S. 408 – Nachwort von Klaus Hildebrand.

[2] Zit. n. Goethe, Werke, XII, S. 390.

[3] Vgl. Stegemann, Ziele, S. 93 ff.

[4] Vgl. für viele Andreas Hillgrubers Stufenplan–Theorie, in: Strategie, S. 33, und Eberhard Jäckel, Frankreich, S. 13 ff.

[5] Soweit hier in Zukunft der Begriff „Zweiter Weltkrieg“ verwendet wird, hat er aus Verständnisgründen den allgemein bekannten Sinn als Bezeichnung der weltweiten Kriegsereignisse zwischen 1939 und 1945, obwohl diese Definition nicht unproblematisch ist und sich sowohl zeitlich einschränken (1941–1945) wie auch ausdehnen (1931–1945) lassen würde. Gleichzeitig ist der Zusammenhang zwischen den ostasiatischen und den europäischen Ereignissen vergleichsweise dünn, so daß es nicht selbstverständlich ist, sie als Teil eines Krieges zu begreifen.

.

.